Nachhaltigkeit, Konsumgesellschaft und Arbeitszeit

ISSN   2199-6555

1.Konsumgesellschaft versus Nachhaltigkeit

Die Konsumgesellschaft hat uns einen Wohlstand beschert, wie ihn die Generationen vor uns nie kannten. Aber die Konsumgesellschaft hat Risiken und Nebenwirkungen. Über 600 Kilogramm Müll prodziert ein Bundesbürg pro Jahr und im Durchschnitt kauft jeder Haushalt für 2000 Euro jeden Monat Konsumgüter ein (Wenn man die Gehäter im öffentlichen Dienst betrachtet, dann fragt man sich schon, wieviel müssen einige Leute für Konsumgüter ausgeben um diesen Durschnittssatz zu erreichen)

Hier ist die Tabelle des Statistischen Bundesamtes, aufgeschlüsselt nach Konsumentengruppen:

https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/Konsumausgaben/Tabellen/PrivateKonsumausgaben_D.html

Diese Mengen an Konsumgütern müssen erzeugt, transportiert und verteilt werden. Mittlerweile sind die Autobahnen in Deutschland zur Lagerhalle geworden. Nichts wird gelagert. Alles wird „just in time“ produziert und sofort zum Supermarkt bzw. Kaufhaus gebracht. oder eben halt wie die vielen kleinen weissen Lieferwagen auf deutschen Straßen zeigen direkt zum Kunden. denn der Onlinehandel boomt. Auf den numehr folgenden Grafiken schauen wir uns die Zahlen an die der Einzelhandelsverband auf seiner Seite veröffentlicht:

http://www.einzelhandel.de/images/presse/Graphiken/DerEinzelhandelJan2014.pdf

2. Öffnungszeit, Shoppingzeit und die Konkurrenz der Zeithierarchien

Shoppen gehen, kann nur wer ausreichend Zeit und Geld dafür hat. Damit die Konsumenten Zeit zum Einkaufen haben mussten die Einkaufszeiten deren Freizeit angepasst werden. Zwar müssen die Beschäftigten im Einzelhandel ihre Arbeitszeit verändern haben aber ja durch Flexibilisierung dieser Arbeitszeit auch Gelegenheit zu Zeiten einzukaufen in denen die Geschäfte ebenfalls offen haben.

Aber die neue Offenheit kostet. Geschäfte die von 8.00 h bis Mitternacht offen haben verbrauchen wesentlich mehr Energie. Jede Stunde muss mit ausreichendem Personal besetzt werden. Wie wir in den Zahlen des Einzelhandelsverbandes gesehen haben, wird trotz längerer Öffnungszeiten aber eben nicht mehr verkauft. Die Folge ist einen zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse im Einzelhandel.

Derzeit wird von Kaufhaus-und Supermarktketten hauptsächlich die Zunahme des Online und Convienience-Handels als Argument eingesetzt, um den Ladenschluss gänzlich zu kippen und auch den Sonntag als Arbeitstag zuzulassen.

In den meisten Bundesländern können Geschäfte nunmehr rund um die Uhr öffnen. Lediglich der Sonntag (Und Bayern 🙂 )bildet noch eine Bastion, die aber auch zunehmend bröckelt. Beschäftigte können sich bei ver.di Bildung und Beratung informieren:

https://www.verdi-bub.de/service/praxistipps/archiv/ladenoeffnungszeiten_rund_um_die_uhr_anschlag_auf_arbeitnehmerrechte/

weiteres findet sich auf der ver.di Homepage.

http://handel.verdi.de/suche?kws%3Alist=Ladenschluss&ZentralSearchPortlet.include_subsites=True

Ver.di hat zusammen mit den Kirchen und anderen Akteuren eine „Allianz für den freien Sonntag“ gegründet. Wir wollen uns die Grundsatzerklärung der Allianz genauer ansehen.

http://www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de/

http://www.europeansundayalliance.eu/

Zudem gibt es einen Konflikt der Zeithierachien. Welche Zeit ist wichtiger? Die der Konsumenten, die in der Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft alles immer und zu jeder Zeit kaufen wollen und die dann wenn der Laden zu ist, halt einfach Online bestellen.

Oder, die der Beschäftigten. die nunmehr zu allen Tages-und Nachtzeiten und auch an Sonn-und Feiertagen zur Verfügung stehen sollen und die dann wieder gleichzeitig in ihrer Rolle als Konsumenten das Rad immer weiter vorantreiben. Wie konnte es soweit kommen? In Wirklichkeit haben wir gar keine neue Situation vor uns, sondern eine alte und bekannte die entstanden ist weil soziale Schutzfunktionen, die die Arbeiterbewegung erstritten hat nach und nach durch verschiedene Akteure ausgehölt wurde.

3.Ein Überblick über die Geschichte des Ladenschlusses in Deutschland

In Deutschland startet die Industrialisierung in den 1830er Jahren und der Kleinhandel entwickelte sich sprunghaft mit. Schon bald erweiterten die Einzelhändler ihre Angebotspalette und es entstanden spätestens seit den 1860er Jahren die ersten Kaufhäuser. Geregelt war gar nichts. Im Normalfall öffneten Geschäfte frühestens morgens um 6 Uhr und schlossen spätestens abends um 23.00 h. Die Öffnungszeit betrug 14 Stunden täglich, bei ca. 1-1.5  Stunden Mittagspause.. Dabei sind die Öffnungszeiten auch als tägliche Arbeitszeiten der Angestellten (Handlungsgehilfen) zu verstehen! An Teilzeitarbeit dachte damals noch niemand…..

Sonntag war ein üblicher Arbeitstag. Lediglich zu den Gottesdienstzeiten wurden die Geschäfte geschlossen. Sowohl die Angestellten als auch die kleineren selbstständigen Händler forderten eine Reglung durch den Staat, weil sie nicht ihre Gesundheit durch den Dienst am Kunden ruinieren wollten.

1891 kam es zu einem ersten Gesetz zu den Öffnungszeiten (Arbeiterschutzgesetz). Demnach durften Geschäfte am Sonntag nur noch 5 Stunden öffnen.

Im Jahr 1900 wurde das Gesetz erneut reformiert und die Ladenöffnungszeiten festgeschrieben. Demnach hatten die Läden zwischen 21.00 h und 5.00 h bzw. 7.00 h geschlossen zu bleiben. mit jeder Menge Ausnahmen. In 1000 Gemeinden in Deutschland gab es 1911 einen freiwilligen Ladenschluss um 20.00 h. 1916 kam es dann zum allgemeinen 19.00 h Ladenschluss. Weil der erste Weltkrieg eine dramatische Verschlechterung der Versorgungslage mit sich brachte, dass diejenigen, die etwas kaufen wollten, dies ohnehin vormittags zu erledigen hatten. Diese Regelung blieb auch in der Weimarer Republik und über den 2. Weltkrieg bestehen.

1956 änderte der Bundestag das Gesetz. Werktags endete die Öffnungszeit um 18.30 h. Samstags um 13.00 h und der Sonntag war endlich arbeitsfreier Tag. Dieses Gesetz enthielt viele Ausnahmen (Bäder, Tankstellen).

Das Gesetz von 1956 war von Anfang an ein Gesetz der (noch) sehr christlichen CDU und der SPD. Liberale Kreise haben sich damit nie anfreunden können. In den 60er Jahren wuchs die Kritik. .Wenn die Geschäfte dann offen sind, wenn die Mehrheit der Bevölkerung keine Zeit hat einzukaufen,  weil sie dann selber arbeitet, beschränke das den Konsum. Und beschränkter Konsum bedeutet weniger Umsatz. Weniger Umsatz bedeutet eine Gefährdung der Arbeitsplätze. (Wir sehen wie sehr die Argumente von damals denen von heute ähneln)

Die Kritik steigerte sich noch in den 70er Jahren und führte dann im Jahr 1989 zur Einführung des sogenannten “Dienstleistungsabends” am Donnerstag. Die Geschäfte durften dann am Donnerstag bis 20.00 h geöffnet bleiben. 1996 wurde in einer weiteren “Reform” der Ladenschluss auf werktags 20.00 h und samstags 16.00 h festgelegt. 2003 wurde dann der Samstag ebenfalls bis 20.,00 h Arbeitszeit, Dazu kam noch eine Regelung über “verkaufsoffene Sonntage”. Seit 2006 ist der Ladenschluss Ländersache.

4. Ausblick: Beschäftigungsverhältnisse nachhaltig sichern durch Postwachstumsökonomie

Unser Wirtschaft beruht auf dem Glauben an unbegrenztes Wachstum. Genau das kann es aber -wie schon seit den 70er Jahren (Club of Rome) bekannt- nicht geben. Und eine Konsumgesellschaft kann genausowenig unbegrenzt konsumieren ohne massive Schäden am System Wirtschaft-Mensch-Natur anzurichten.  Im Lexikon der Nachhaltigkeit wird der Begriff des nachhaltigen Konsums definiert:

https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/nachhaltiger_konsum_1135.htm

Ich bin zudem davon überzeugt, dass die Wiedereinführung eines Ladenschlusses und die Begrenzung der „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“ auch einen nachhaltigen Aspekt hat.

Lebensqualität definiert sich nicht über Konsum und für mich ist ein Schritt zu mehr Ruhe und Zeit für die Familie oder für Freunde oder andere Freizeitaktivitäten auch eine Möglichkeit wieder Luft zu holen und aus dem Hamsterrad in dem sich alle drehen auszusteigen.